Die Wahl der richtigen Gräser für eure Pferdeweide kann einen großen Unterschied in der Gesundheit eurer Tiere machen.
Als Futterberaterin für Pferde ist es mir ein Anliegen, euch umfassend über die verschiedenen Aspekte der Pferdefütterung zu informieren. Heute möchte ich euch einen Einblick in die faszinierende Welt der Gräser geben. Wir werden uns ansehen, wie eine Weide bewachsen ist, den Unterschied zwischen Ober- und Untergräsern sowie Süß- und Sauergräsern erklären und das Fruktanrisiko beleuchten.
Inhalt
- Grünland
- Obergräser/Untergräser
- Süßgräser/Sauergräser
- Nährstoffgehalt-Zyklus
- Fruktanrisiko (mit kostenlosem Fruktankalender)
- Futterwertzahl
Wie ist eine Weide (Grünland) bewachsen?
Eine gut bewirtschaftete Weide besteht typischerweise aus:
- 70 - 80% Gräsern
- 10 - 15% Kleeartigen Pflanzen
- 10 - 15% Kräutern
Diese Mischung sorgt für eine ausgewogene Ernährung und fördert die Gesundheit eurer Pferde.

Unterschied zwischen Obergräsern und Untergräsern
Obergräser:
- Eigenschaften: Diese Gräser wachsen aufrecht und erreichen eine größere Höhe. Sie sind oft robuster und widerstandsfähiger gegen Beweidung.
- Rohfasergehalt: Sie sind in der Regel rohfaserreicher, was die Verdauung bei Pferden unterstützt.
- Zuckergehalt: Obergräser enthalten in der Regel weniger Zucker im Vergleich zu Untergräsern und sind daher besser für Pferde geeignet, die an Hufrehe leiden.
- Beispiele: Wiesenlieschgras, Knaulgras.



Untergräser:
- Eigenschaften: Diese Gräser wachsen eher flach am Boden und bilden dichte Rasenteppiche. Sie sind besonders wichtig für die Bodendeckung und verhindern Erosion.
- Rohfasergehalt: Sie haben oft einen geringeren Rohfasergehalt im Vergleich zu Obergräsern.
- Zuckergehalt: Untergräser enthalten tendenziell mehr Zucker und sind für Hufrehe Pferde nicht geeignet.
- Beispiele: Deutsches Weidelgras, Rotschwingel, Wiesenrispe.


Unterschied zwischen Süßgräsern und Sauergräsern
Süßgräser (Poaceae):
- Eigenschaften: Süßgräser sind die am häufigsten vorkommenden Gräser auf Weiden. Sie zeichnen sich durch ihre hohe Nährstoffdichte und gute Verdaulichkeit aus.
- Beispiele: Wiesenlieschgras, Deutsches Weidelgras, Knaulgras.
Sauergräser (Cyperaceae):
- Eigenschaften: Sauergräser wachsen oft auf feuchten oder sauren Böden und haben eine geringere Nährstoffdichte im Vergleich zu Süßgräsern. Sie sind weniger schmackhaft und werden von Pferden oft gemieden.
- Beispiele: Seggenarten, Binsenarten, Simsenarten, Zyperngräser

Wie verändern sich die Energie- und Nährstoff- Gehalte von Gräsern im Laufe des Wachstumszyklus?
Vor der Blüte 🌸
- Energiegehalt: In dieser Phase ist der Energiegehalt relativ hoch. Die Pflanzen sind reich an leicht verdaulichen Kohlenhydraten, einschließlich Zucker.
- Rohfasergehalt: Der Rohfasergehalt ist niedriger als in späteren Phasen, da die Zellwände noch nicht vollständig ausgebildet sind.
- Protein: Der Proteingehalt ist in dieser Phase am höchsten, da die Pflanze aktiv wächst und viele Aminosäuren benötigt.
- Mineralstoffe und Vitamine: Auch der Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen ist in dieser Phase relativ hoch.
Gräser vor der Blüte sind besonders nahrhaft und energiereich, was sie ideal für Pferde in intensiver Arbeit oder für junge, wachsende Pferde macht. Allerdings kann der hohe Zuckergehalt problematisch für Pferde mit Stoffwechselstörungen wie Hufrehe sein.
Während der Blüte 🌼
- Energiegehalt: Der Energiegehalt bleibt hoch, aber es kommt zu einer Verschiebung von leicht verdaulichen Kohlenhydraten hin zu strukturellen Kohlenhydraten (Zellulose).
- Rohfasergehalt: Der Rohfasergehalt beginnt zu steigen, da die Zellwände dicker werden und mehr Lignin enthalten.
- Protein: Der Proteingehalt nimmt ab, da die Pflanze ihre Ressourcen auf die Samenproduktion konzentriert.
- Mineralstoffe und Vitamine: Der Gehalt an Mineralstoffen und Vitaminen beginnt ebenfalls zu sinken.
Während der Blüte bieten Gräser immer noch einen guten Energiegehalt, aber sie sind weniger proteinreich. Sie eignen sich gut für erwachsene Pferde in moderater Arbeit. Der steigende Rohfasergehalt unterstützt die Verdauung.
Nach der Blüte 🌺
- Energiegehalt: Der Energiegehalt nimmt weiter ab, da ein Großteil der leicht verdaulichen Kohlenhydrate in den Samen gespeichert wird.
- Rohfasergehalt: Der Rohfasergehalt ist am höchsten. Die Pflanzen enthalten jetzt viel Lignin, was sie schwerer verdaulich macht.
- Protein: Der Proteingehalt ist niedrig, da die Pflanze ihre Wachstumsaktivitäten weitgehend eingestellt hat.
- Mineralstoffe und Vitamine: Auch diese Nährstoffe sind jetzt in geringeren Mengen vorhanden.
Nach der Blüte sind Gräser weniger nahrhaft und energiereich. Sie eignen sich gut als Raufutter zur Beschäftigung oder für Pferde mit geringem Energiebedarf. Aufgrund des hohen Rohfaseranteils unterstützen sie jedoch weiterhin eine gesunde Verdauung.
Das Fruktanrisiko auf Pferdeweiden
Fruktan ist ein Kohlenhydrat, das in vielen Gräsern vorkommt und bei Pferden zu gesundheitlichen Problemen führen kann, insbesondere zu Hufrehe. Daher ist es wichtig, das Fruktanrisiko auf Pferdeweiden zu kennen und entsprechend zu handeln.
Was ist Fruktan?
Fruktan ist ein Speicherzucker, der von Gräsern produziert wird, um Energie zu speichern. Die Konzentration von Fruktan in den Pflanzen kann stark variieren und hängt von verschiedenen Faktoren wie Temperatur, Sonneneinstrahlung und Wachstumsbedingungen ab.
Wann ist das Fruktanrisiko besonders hoch?
- Kühle Temperaturen: Bei Temperaturen unter 5°C steigt die Fruktankonzentration in den Gräsern an, da die Pflanzen weniger Energie für ihr Wachstum verbrauchen.
- Sonnige Tage nach kalten Nächten: Nach einer kalten Nacht kann die Fruktankonzentration am Morgen besonders hoch sein, wenn die Sonne scheint.
- Stressbedingungen für die Pflanzen: Trockenheit oder andere Stressfaktoren können ebenfalls zu einer erhöhten Fruktanproduktion führen.
Wann sollten Pferde besser drinnen bleiben?
- Früher Morgen nach kalten Nächten: Die Fruktankonzentration ist am frühen Morgen nach kalten Nächten besonders hoch. Es ist ratsam, die Pferde erst später am Tag auf die Weide zu lassen.
- Kühle Frühlingstage: Im Frühling, wenn die Temperaturen noch niedrig sind und die Tage sonnig, kann das Fruktanrisiko hoch sein.
- Nach Frostnächten: Nach Frostnächten sollte man vorsichtig sein und die Pferde nicht sofort auf die Weide lassen.
Wann können Pferde bedenkenlos rausgestellt werden?
- Warme Tage: An warmen Tagen mit Temperaturen über 15°C sinkt das Fruktanrisiko deutlich.
- Später Nachmittag: Am späten Nachmittag haben die Pflanzen einen Großteil des gespeicherten Fruktans bereits verbraucht.
- Regenperioden: Während längerer Regenperioden ist das Fruktanrisiko meist geringer, da die Pflanzen weniger Stress ausgesetzt sind.

Kostenloser
Fruktankalender
Um euch bei der Planung der Weidezeiten eurer Pferde zu unterstützen, habe ich einen Fruktankalender erstellt. Dieser Kalender zeigt euch übersichtlich, wann das Risiko für hohe Fruktankonzentrationen besonders groß ist und wann ihr eure Pferde bedenkenlos auf die Weide lassen könnt. Ihr könnt den Kalender kostenlos herunterladen, ausdrucken und am besten im Stall aufhängen.
Was ist die Futterwertzahl?
Die FWZ gibt an, wie schmackhaft und damit attraktiv eine Pflanze für Tiere ist. Für Pferde ist dies besonders wichtig, da sie selektive Fresser sind und bestimmte Pflanzenarten bevorzugen. Eine hohe FWZ bedeutet, dass die Pflanze gerne gefressen wird und somit einen hohen Futterwert hat. Die Skala reicht von -1 (giftig) über 0 (ohne Futterwert) bis 8 (sehr hoher Futterwert).
Berechnung der Bestandswertzahl
Die Summe aller Arten in einem Bestand bildet die Pflanzengesellschaft. Um die Qualität des gesamten Bestandes einschätzen zu können, wird die Bestandswertzahl gebildet. Diese ist der gewichtete Durchschnitt aller Futterwertzahlen einer Pflanzengesellschaft und gibt die Schmackhaftigkeit bzw. den Futterwert des von der Fläche geernteten Futters wieder, z.B. FWZ 6,3.
Beispiele für Futterwertzahlen
- FWZ 8: Deutsches Weidelgras, Lieschgras, Wiesenrispe, Wiesenschwingel
- FWZ 7: Glatthafer, Goldhafer, Gemeine Rispe, Knaulgras, Weißes Straußgras, Welsches Weidelgras, Wiesenfuchsschwanz
- FWZ 6: Kammgras, Quecke
- FWZ 5: Aufrechte Trespe, Jährige Rispe, Rohrglanzgras, Rotes Straußgras,
- FWZ 4: Horst-Rotschwingel, Rohrschwingel, Wolliges Honiggras
- FWZ 3: Rasenschmiele, Ruchgras, Schafschwingel, Weiches Honiggras, Weiche Trespe
- FWZ 2: Pfeiffengras, Schilf
Bedeutung der Futterwertzahl für Pferde
1. Optimale Nährstoffaufnahme:
Pferde bevorzugen Pflanzen mit hoher FWZ aufgrund ihrer Schmackhaftigkeit. Dies führt zu einer besseren Nährstoffaufnahme und unterstützt die allgemeine Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
2. Vermeidung von Futtermittelverschwendung:
Durch die Auswahl von Gräsern mit hoher FWZ kann Futtermittelverschwendung minimiert werden. Pferde neigen dazu, weniger schmackhafte Pflanzen stehen zu lassen.
3. Unterstützung der Verdauung:
Gräser mit hoher FWZ sind oft leichter verdaulich und unterstützen somit eine gesunde Verdauung bei Pferden.
4. Anpassung an individuelle Bedürfnisse:
Je nach Alter und Aktivitätsniveau eines Pferdes kann es sinnvoll sein, Gräser mit unterschiedlichen FWZ zu wählen. Zum Beispiel benötigen Sportpferde möglicherweise Gräser mit höherer FWZ für zusätzliche Energie.
Liebe Pferdefreunde,
während ich diesen Blog schrieb, wurde mir immer bewusster, vor welcher Vielzahl von Herausforderungen die Landwirte stehen, wenn es darum geht, ein gutes Weidemanagement für unsere Pferde zu gewährleisten. Von extremen Wetterbedingungen und Bodenqualität über Unkrautmanagement und Weidepflege bis hin zu finanziellen Aspekten, Tiergesundheit und Umweltauflagen – all diese Faktoren erfordern enormes Fachwissen und Engagement.
Daher möchte ich an dieser Stelle mal ein großes Dankeschön an unsere Landwirte aussprechen für ihre unermüdliche Arbeit und ihren Einsatz, damit es unseren Pferden gut geht 🚜🧑🏻❤️
Ich hoffe, dass dieser Blog euch einen kleinen Einblick über das Weidemanagement gegeben hat. Mit dem richtigen Wissen und den passenden Werkzeugen könnt ihr die Gesundheit und das Wohlbefinden eurer Vierbeiner nachhaltig fördern.
Solltet ihr weitere Fragen haben oder eine individuelle Beratung wünschen, stehe ich euch jederzeit gerne zur Verfügung.
Eure Futterberaterin Ingrid 🐴😊!!
